SAC Sektion Zermatt

Tourenbericht

Pollux 4092m, 31. Juli 2015 → Fotos

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Leitung:
Ulli Herbers
Seilschaft:
Ulli Herbers, Martin Siegwart, Anja Bumann

Als eine der Trainings­touren für Matter­horn­aspi­ranten empfielt ein Merkblatt des Berg­führer­bureaus den Pollux: «Nicht so hoch wie andere Gipfel, aber Oho! Der Aufstieg über Schnee, Fels und Eis lässt keine Lange­weile aufkommen!» Diese Aussage bewirkte dann, dass dieser Berg auf meiner Wunsch­liste „landete“. Die Erfüllung des Wunsches liess gar nicht so lange auf sich warten. Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Tour war für mich persön­lich ein Highlight. Eigent­lich hätte es der Castor sein sollen. Aber nachdem das Vorhaben infolge Revision der Chlei­matterhorn­bahn und der schlechten Schnee­verhält­nisse am vorge­sehehen Berg (viel zu weich, da viel zu warm) zweimal ver­schoben werden musste, blieb uns nurmehr der 31. Juli. Anstelle des Castors sollten wir den Pollux ins Auge fassen, riet uns der mit dem SAC ver­bundene Rettungs­chef. Ich war sofort damit einver­standen.


Über uns wölbte sich ein tief­blauer, wolken­loser Himmel, als wir mit der Seilbahn dem Chlei­matterhorn ent­gegen­schweb­ten. Die Gipfel der Monte-Rosa–Breithorn­kette präsen­tierten sich in ihrer ganzen Pracht! Oben wurde angeseilt. Ich hatte noch etwas Mühe mit meinem neuen Gstältli, aber sofort war Ulli hilfs­bereit zur Stelle und seilte mich fach­gerecht an. Ich staunte, mit welcher Fertig­keit er mit Seil, Kara­binern und der­gleichen umzugehen wusste. Im Nach­hinein weiss ich weshalb: Nicht nur weil er ein guter Berg­steiger ist, sondern weil er im Sport­geschäft „Yosemite El Cap SA“ diese Geräte gleich noch verkauft.

Nun gings los. Über Breithorn­plateau und Breithorn­pass gelangten wir auf der italie­nischen Seite bald auf den „G de Ghiacciaio“. Es war eine schöne, lustvolle Gletscher­wanderung. Ein steiles Schnee­couloir zieht sich die West­flanke des Pollux hinauf. Wir würden aber an dessen Stelle den West­südwest­grat benützen, denn dieser sei angene­hmer, da der Aufstieg grossen­teils im Fels erfolgt, erklärte uns Ulli. Der Fels-und Geröll­pfad wird durch zwei oder drei hübsche Kletter­stellen des zweiten Grades unter­brochen. Da ich schon längere Zeit nicht mehr zum Klettern gekommen war, schätzte ich es, dass ich mir Zeit nehmen durfte, Griffe und Tritte zu finden; so brachte ich diese Stellen gut hinter mich. Fast unvermit­telt standen wir dann oben bei den fixen Seilen. Schnell brachte Ulli unten an einer Sicherungs­stelle einen Karabiner an, hängte unser Seil ein und querte die griffarme Platte mit Hilfe der Fixseile. Oben brachte er einen zweiten Karabiner an. Nachdem wir von oben her gesichert waren, musste ich mich beim unteren Sicherungs­karabiner aushängen, damit auch Anja nach­kommen konnte. Wegen meiner geringen Grösse konnte ich die Sicherung zuerst nicht erreichen, soviel ich mich auch streckte. Zum Glück entdeckte ich dann nach mehreren vergeb­lichen Versuchen rechts weiter oben einen Tritt, mit dessen Hilfe ich, wenn auch nur etwas mühsam und ganz gestreckt das Seil aushängen konnte. Die anschlies­sende Querung war dann schnell geschafft. Nun kam der Durch­schlupf: Eine grosse, etwas über­hängende Fels­platte versperrt dort den direkten Weg. Man muss sie entweder rechts oder links umgehen, wo auch das Fixseil gelegt ist. Elegant und ohne Probleme turnte Ulli links am Fixseil hoch, querte dann nach rechts und … oben war er. Ich wollte es ihm gleichtun, aber oha! Das Fixseil, wiewohl an sich solide, war vom vielen Gebrauch fein „geschlif­fen und poliert“. Ich vermochte mit meinen Händen die Reibungs­kraft nicht aufzu­bringen, um mich daran hoch­ziehen zu können; das Seil entglitt mir. Was tun? Ich versuchte rechts hoch zu kommen, denn ein Tritt weit hinten könnte da helfen. Im selben Moment, wo ich meinen Fuss darauf setzen wollte, machte es „wuff“ und jemand stand neben mir; beinahe hätte er sich auf mich gesetzt. Ein zweiter Mann folgte und dann noch ein dritter. Dieser Dritte war ein Berg­führer. Er zeigte mir zwei Tritte: «Der einte Füess tüesch da drüff und der andere dert!» Ihm sei gedankt! So schaffte ich die Schlüssel­stelle und stand bald oben bei Ulli. Das anschlies­sende Wändchen würde ich der guten Griffe und Tritte wegen auch ohne Fixseil schaffen, tröstete und ermun­terte er mich. So war es dann weit­gehend. Sowohl er wie der Berg­führer müssen mein Malaise bemerkt haben.


Oben bei der Madonnen­statue schnall­ten wir unsere Steig­eisen an, um den schönen, geschwun­genen Schnee­grat zu begehen. Am Ziel ange­kommen wurden ausgiebig Gipfel­fotos ge­schossen. Ich freute mich über den gelun­genen Aufstieg und über das herrliche Panorama, obschon ich die Namen der umlie­genden Berge zur Genüge kannte. Bald waren wir dann wieder zurück bei der Madonna und ver­stauten die Stei­geisen in unsereren Ruck­säcken. Die Felsen hinunter ging es wesent­lich besser und schneller, als hoch. Ulli liess uns mittels VP-Sicherung am Seil „hinunter­fahren“. So war auch die im Aufstieg für mich heikle Stelle schnell geschafft. Dann weiter die glatte Platte hinunter; es machte zusehends Spass, das Seil „lief“! Auf einmal rief jemand „Stopp“! Es gab einen Ruck, ich erschrak und hing schief im Seil; ich war zu weit abgeseilt und musste nun wieder etwas hoch­steigen. Das muss komisch aus­gesehen haben. «Soo guet bisch na nié im dim ganze Läbe gsicheret worde», tönte es auf Zürich­deutsch in meinen Ohren. Der Spott stammte vom ersten Mann einer von unten her aufge­stiegenen Dreier­seil­schaft. Diesen Spott gebe ich in Lob umge­wandelt an Ulli weiter, denn er hat uns wirklich gut und kompetent gesichert! Wieder unten auf dem Gletscher stärkten wir uns für den Rückweg; es war warm geworden. Ange­sprochen auf mein Problem mit dem Fixseil, gab mir Anja einen wert­vollen Tip: Weiche Garten­hand­schuhe mit Gummiband und erhält­lich im Jumbo würden wirksam Abhilfe schaffen. Solche befinden sich nun seit kurzer Zeit auch in meinem Rucksack, bereit für die nächste Bergfahrt. Zurück ging es dann, vorbei an mächtigen Schründen wieder aufs Breithorn­plateau. Eine bereits beim Hinweg etwas heikle Spalte konnte gut umgangen werden.


Danke Ulli und Anja für die gute und schöne Gemein­schaft; ich komme gerne wieder mit euch! Noch etwas: Der Pollux ist der erste Vier­tausender, den ich als Gross­vater besteigen durfte, denn ich habe im Oktober letzten Jahres einen inzwi­schen aufge­weckten Enkel bekommen!

Bericht: Martin
Fotos: Ulli und Anja

Pollux: